Strategien der Manipulation

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Das Handy-Thema in der Sendung Quarks und Co vom 19. Juni 2007


Macht und Ohnmacht des Volkes

„Alle Gewalt geht vom Volke aus“, verspricht uns unsere demokratische Verfassung. Doch täglich erleben wir richtiger, wie schamlos über uns verfügt wird. Wir sind umgeben von Mächten, die uns beherrschen, sich der Kontrolle ihrer Herrschaft aber sehr weit entziehen. Staat, Industrie und Wissenschaft sind solche Mächte. Selbst demokratische Wahlen sind kein Gegenargument, sondern nur die erste Bestätigung. Denn vor den Wahlen erreicht uns die Macht der Worte und Programme. Danach wissen wir immer häufiger, dass wir auf politische Rhetorik hereingefallen sind.

Die unkontrollierte Willkürherrschaft über das Volk ist am größten, wo mehrere der genannten Mächte zusammenwirken. Da inszeniert das Informationszentrum der Mobilfunkindustrie (IZMF) ein vielschichtiges Aufklärungsprogramm Mobilfunk und Gesundheit und lässt es sich auch viel kosten. Man muss die bereitgestellten Informationsbroschüren für Ärzte, Eltern und Schulen aber nicht erst lesen, um Inhalt und Ethos der gebotenen Aufklärung zu entschlüsseln. Bilder versichern uns, dass schon Babys im Arm ihrer Mutter verlangend nach dem Handy am mütterlichen Ohr greifen. Das IZMF organisiert umweltmedizinische Schulungen, und Ärzte wie Universitätsprofessoren wirken begeistert daran mit. Umweltmedizin verdankt sich der Regie und dem Ethos der Umweltverschmutzer. Und ein Staat, der von den Mobilfunkbetreibern 100 Milliarden DM angenommen hat, überlässt der kostenlosen Schulung eines mobilfunktauglichen Umweltbewusstseins dankbar das Feld. Ärztekammern honorieren die ärztliche Teilnahme auch noch mit Fortbildungspunkten.

Mobilfunkbetroffenen Patienten aber bleibt nichts als die Erinnerung an biblische Geschichten wie den Tanz um das goldene Kalb und den Verrat des Judas. Aktuell die Erfahrung von Einbußen an Lebensqualität, Gesundheit, Eigentum und demokratischer Kultur. Unheilige Allianzen der Herrschenden haben die Macht des Volkes zur Erfahrung bürgerlicher Ohnmacht pervertiert.


Macht und Machtmissbrauch der Medien

Wo aber stehen in dem Spiel der Mächtigen die Medien? Nach der Idee der Demokratie hätten sie die Aufgabe, Bürger angemessen zu informieren, aber auch vor Willkür und Machtmissbrauch zu schützen. Unabhängige Information und Kritikfähigkeit sind die Instrumente ihrer schützenden Macht. Doch wo Medienmacher die Mächtigen der Gesellschaft nicht mehr kontrollieren, sondern einträchtig mit ihnen im Boot gemeinsamer Interessen sitzen, ist auch der mediale Machtmissbrauch unterwegs. Einseitige Information und geistige Manipulation der Öffentlichkeit sind seine geläufigsten Formen.

Auch eine umfassende Dokumentation kritischer Journalisten zur Lage des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland sieht das so: „Konzerne und Verbände rüsten vor allem im Bereich der strategischen Öffentlichkeitsarbeit auf. Sie lassen Themen schon im Vorfeld identifizieren, analysieren und versuchen, die öffentliche Diskussion zu lenken“ (vgl. www.netzwerkrecherche.de).

Ökonomischer Opportunismus übertönt die Lehre aus zwei deutschen Diktaturen, dass Manipulationen von Wahrheit und Öffentlichkeit zu den geläufigsten Strategien totalitärer Regime zählen.


Ein Beispiel des Spiegel

Die Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie hat ihr Projekt Medien-Kultur, das wir mit dieser Auseinandersetzung fortschreiben, gestartet, um den Umgang der Medien mit ihrer Macht zu untersuchen.

Der Spiegel bot uns ein erstes markantes Beispiel für Machtmissbrauch und seine Voraussetzungen (vgl. dazu die offenen Briefe auf unserer Homepage www.kompetenzinitiative.de). Stefan Aust, der Chefredakteur der Zeitschrift, sitzt gemeinsam mit anderen bekannten Chefredakteuren und „Meinungsführern der deutschen Medienlandschaft“ in einem zwanzigköpfigen Medienbeirat, der „den Vorstand der Deutschen Telekom in medienpolitischen Belangen berät“, wie es in der Geschäftsordnung heißt (Oliver Gehrs Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete München 2005, S. 227). Der gute Kontakt bewährt sich im einschlägigen Anzeigen-Volumen der Zeitschrift. Zu seinen angenehmen Seiten gehört, dass Chefredakteur Aust die Tour de France schon als VIP im Fahrzeug der Telekom begleiten durfte. Doch die Opfer so guter Beziehungen und Beratungen sind mobilfunkgeschädigte Bürger und ihre ärztlichen Betreuer, die der Spiegel-Journalismus von Manfred Dworschak dann ohne seriöse Kenntnis der Materie, aber auch ohne Respekt vor der Würde des Menschen demütigt und diffamiert.

Der WDR hat uns mit der Sendung Quarks & Co. vom 19. Juni 2007 ein weiteres Beispiel journalistischen Machtmissbrauchs dieser Art geliefert.


Die Thematik der Handystrahlung und ihr Moderator

Die zunehmende Verdichtung des Elektrosmogs über unseren Wohngebieten und unserer Umwelt hat viele Verursacher. Wer sie ganz abschaffen wollte, wäre ein Phantast. Wer sie so engagiert verteidigt wie nicht wenige unserer Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, spielt mit dem Leben und der Gesundheit von Generationen.

Zwei Dinge haben zur leidenschaftlichen Auseinandersetzung um die Wirkung der Handys beigetragen. Sie sind zum Lieblingsspielzeug unserer Jugend avanciert (worden), die der Mobilfunkindustrie lt. Insidern rund 60% ihrer Einkünfte erwirtschaftet. Folgerichtig scheiterte die ehemalige grüne Bundesministerin Renate Kühnast schon mit dem vorsichtigen Versuch, die Jugendlichen wenigstens vor der Schuldenfalle zu bewahren. Der zweite Grund sind periodisch auftauchende Studien, die den Konsumenten die Harmlosigkeit auch ausgiebiger Nutzung der Geräte versichern – was anderen wiederum als Programm höchster Verantwortungslosigkeit erscheint. Die Sendung Quark & Co betrat mit der Frage der gesundheitlichen Auswirkungen von Handys sowie der immer mehr Bürgern aufgezwungenen technischen Versorgungsanlagen also ein höchst kontrovers diskutiertes Gebiet.

Die Sendereihe – dies sei ausdrücklich festgestellt – ist an sich gut und beliebt, und ihr Moderator Ranga Yogeshwar hat ein großes Publikum. Doch verbunden mit dem populärwissenschaftlichen Anspruch bedingt genau das auch eine besondere Verantwortung der Sendung. Diese Verantwortung ist besonders groß, wo über Fragen des Verbraucher- und Umweltschutzes entschieden wird und die kontroverse Forschungslage die unabhängige wissenschaftliche Wahrheitssuche verlangt.

Schon der Ausblick auf den Werdegang von Ranga Yogeshwar und das weitere Feld seiner wissenschaftsjournalistischen Tätigkeiten lässt Zweifel aufkommen, ob der sonst geschätzte Moderator bei dem Handy-Thema eine glückliche Besetzung war. Bereits mit seinem Diplom in der Physik der TU Aaachen wurde ihm die gute Zusammenarbeit mit der Mobilfunkindustrie in die akademische Wiege gelegt. Gibt man heute die Namen ‚Yogeshwar’ und ‚Telekom’ bei Google ein, so erhält man aktuell 589 Treffer. Die Einträge bestätigen rasch den Eindruck bester Beziehungen und vertrauensvoller Nähe. Ein breites Spektrum von Möglichkeiten findet sich da aufgelistet, was einflussreiche Menschen füreinander tun können. Durfte man die Unbefangenheit und Unabhängigkeit des Moderators in einer Sendung erwarten, in der es um die Produkte seiner Förderer ging?


Der Ablauf der Sendung

Der Anfang der Sendung schien dem gewohnten Niveau der Reihe zu entsprechen, der Moderator um Ausgewogenheit bemüht. 60.000 Basisstationen stellte er das Leid der Oberammergauer gegenüber. Über den Boden verstreute Studien und Appelle suggerierten seine souveräne wissenschaftliche Überschau der Materie.

Doch nach dieser Dramaturgie vertrauensfördernder Maßnahmen, die Zuschauer Ohren und Herzen öffnen sollte, nahm die industriegefällige Interpretation von Forschung und Verbraucherschutz ihren Lauf. Die armen Oberammergauer wurden auch noch zu einer Population von Simulanten und eingebildeten Kranken degradiert.

Für die Millionen von gläubigen Zuschauern aber musste das Fazit der Sendung lauten: 1. Es ist alles ganz unbedenklich! 2. Telefoniert nach Herzenslust mobil! 3. Wer es anders zu wissen glaubt, ist ein Panikmacher oder auch nichtsnutzer Bürger, dessen unbegründete Wehleidigkeit dem ökonomischen und kulturellen Fortschritt im Wege steht!

Nur Menschen, die um den Stand einer unabhängigen Forschung wussten, konnten mit wachsendem Befremden erkennen, dass hier nicht Oberammergau enttarnt wurde, sondern ein geistig bestechlicher Journalismus sich selbst entblößte. Unter dem Schutz und mit der Suggestivkraft der populärwissenschaftlichen Fassade setzte sich in Wahrheit das Format einer industriegefälligen Sendung durch, die zynisch mit Wahrheit, Menschen und der Zukunft von Generationen umging.


Strategien der Manipulation

Wir wollen keineswegs pauschal verurteilen. Es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Medien in verantwortlicher und ausgewogener Weise über die strittige Materie informieren. Es gibt sie also, die Medien, die noch aufklären. Aber es gibt auch eine sich ausbreitende mediale Unkultur, die Scheinaufklärung zu einem opportunistischen Weg verschleierter Werbung macht. Wir versuchen einige ihrer typischen Strategien am Beispiel der Handy-Sendung von Quarks & Co herauszuarbeiten.


Die Kunst des Weglassens

Wissenschaftlichkeit wie journalistische Verantwortung fordern im Fall kontroverser Forschungslagen eine ausgewogene Vermittlung des Pro und Contra. Die in Frage stehende Sendung aber entschied sich regelmäßig für das Pro und unterschlug das Contra.

Mit den 60.000 Basisstationen wurde die lückenlose Transparenz betont, mit der die Bundesnetzagentur die Strahlenquellen zugänglich mache. Von den ungezählten Antennen, die faktisch den Kommunen und Wohngebieten aufgezwungen werden, erfuhren die Zuschauer nichts.

„Das Handy braucht eine Mindestsignalstärke“, wurde festgestellt. Dass die Empfangsschwelle 12 Größenordnungen unter den Grenzwerten liegt und wir mit milliardenfach niedrigeren Belastungen noch gut mobil telefonieren könnten, blieb dem Wissen gut Voringut mobil telefonieren könnten, blieb dem Wissen gut Vorinformierter überlassen.formierter überlassen.
mobil telefonieren könnten, blieb dem Wissen gut Vorinformierter überlassen.

Die Strahlenschutzkommission wurde genannt – nicht deren Veröffentlichung im Bundesanzeiger zur Veränderung des Ca-Ionenhaushaltes infolge der Strahlung. Überhaupt erfuhren die Zuschauer gleich nach der ersten Minute, wie gut sie geschützt sind: „Quarks & Co zeigt […], dass unsere Grenzwerte in Ordnung sind!“ – wurde ihnen gesagt. Dass diese Grenzwerte nur thermische Wirkungen berücksichtigen, athermische, die für die Entstehung chronischer Erkrankungen verantwortlich sind, nicht
wurde ihnen nicht gesagt. Verschwiegen wurde ihnen auch, dass eben deshalb immer mehr unabhängige Wissenschaftler und Ärzte millionenfach niedrigere Grenzwerte fordern. Und verschwiegen wurde ihnen erst recht, dass sich die geltenden Grenzwerte dem industrienahen Privatverein ICNIRP verdanken, der nicht zum ersten Mal falschen Grenzwerten politische Geltung verschafft hat. Der Australier Neill Cherry hat das so fragwürdige wie fatale Wirken des Vereins schon vor Jahren demaskiert.

Ausführlich dargestellt wurde die plausibel und vertraut wirkende Erwärmung über die Akkus der Handys; verschwiegen die an der ETH Zürich nachgewiesenen Änderungen von Hirndurchblutung und –stoffwechsel.


Scheinwissenschaftliche Irreführung

Keine populärwissenschaftliche Sendung kommt ohne Professoren und gelehrte Studien aus, wenn sie hohe Ansprüche beglaubigen will. Doch der manipulative Umgang mit dem Stand der Erkenntnis setzte sich auch dabei auf Schritt und Tritt fort.

Anders als Prof. Neil Cherry brachte es Prof. M. Antonetti, ein Spezialist für Materialforschung, immerhin bis zu seiner Nennung. Doch der Moderator drückte die vom Professor nachgewiesene Erhitzung kleinster Partikel zum Niveau einer Zeitungsente herunter.

Prof. R. Fitzner durfte mit einem Mikroskop sogar kurz ins Bild, so dass der Zuschauer den Eindruck haben konnte, er habe jetzt mit einer hochkompetenten Sendung authentischen Kontakt zur Berliner Charité. Daß Fitzner im Rahmen des europaweiten Reflex-Projekts mit seinem Team DNA-Schädigungen durch elektromagnetische Felder nachgewiesen hat, blieb ausgeblendet.

„1000 Studien gehen der Frage nach: Machen Handys krank“, wurden wir kurz vor der 6. Minute informiert. Und wieder durfte sich der Zuschauer sagen: ‚Wo so viel geforscht wird und ein Moderator so viel weiß, darf Deutschland beruhigt schlafen.’ Wie viele dieser Studien sich dem Kapital der Industrie und seinen in mehreren Projekten nachgewiesenen lenkenden Einflüssen verdanken, erfuhren sie nicht. Auch nicht die Tatsache, dass selbst seriöse Studien die Frage nie so global stellen, sondern in der Regel ausgewählte spezifische Aspekte aufgreifen.

Wo auswählend präzisiert wurde, setzte sich die Information am Leitfaden der Mobilfunkfreunde fort. Die ‚dänische Studie’ wurde bemüht - von der sich inzwischen selbst das Bundesamt für Strahlenschutz distanziert, Prof. L. Hardells Dokumentation eines erhöhten Hirntumorrisikos dagegen mit keinem Wort erwähnt. Dass ‚aktuelle Studien’ keinerlei Langzeitfolgen befürchten lassen, sollte die Telefonierlust endgültig beflügeln. Nun ist zweifellos richtig, dass etwa die Interphone-Studie im letzten Jahr ganz in diesem Sinne vermarktet wurde. Aber selbst für ihre Industrienähe bekannte Projektleiter mussten einräumen, dass mit ersten Ergebnisberichten nach einer Studienlaufzeit von drei Jahren über mögliche Spätfolgen noch nichts gesagt werden kann – was sich eigentlich von selbst versteht. Die Langzeitforschungen von Prof. Karl Hecht zur Wirkung elektromagnetischer Felder bestätigen, dass sich die drastische Zunahme chronischer Erkrankungen häufig erst ab einem Zeitraum von zehn und fünfzehn Jahren zu erkennen gibt – was doch nur gängigem Alltagswissen entspricht. Wer anderes behauptet, ob Politiker, Wissenschaftler oder Journalist, hintergeht nicht nur Jahrzehnte unabhängiger Forschung, sondern auch den gesunden Menschenverstand.


„Elektrosensible gibt es nicht“?

Ausführlicher muss noch auf das Thema der ‚Elektrosensibilität’ eingegangen werden. Dass es unterschiedliche Grade menschlicher Sensibilität gibt, wird normalerweise so wenig bestritten wie die bekannte Tatsache, dass man sich an vieles, aber nicht an alles gewöhnt. Nur die Mobilfunkverantwortlichen bestreiten es für das Gebiet ihrer Zuständigkeit.

Mit einsehbarer Begründung: Denn die Einräumung von Elektrosensibilität würde die Grenzwertideologie ins Wanken bringen und die Verantwortungslosigkeit des politischen Handelns unübersehbar machen. Die Mobilfunkverantwortlichen brauchen die Annahme einer gleichförmigen Robustheit und Belastbarkeit aller Menschen für die Rechtfertigung ihres Handelns und die Pflege weißer Westen. Elektrosensibilität passt weder zur Imagepflege noch zum wirtschaftspolitischen Konzept.

Man beobachtet eine eigentümliche Scherenbewegung. Der Prozentsatz der Elektrosensiblen steigt. Nicht selten kommen sie als Frühinvaliden von strahlenbelasteten Arbeitsplätzen der Mobilfunkindustrie. Entsprechend lauter und vielstimmiger wird aber auch der Chor einer gut bezahlten und noch besser instrumentalisierten Forschung, der versichert, dass Elektrosensibilität ein Märchen ist.

Prof. Dr.-Ing. J. Silny z. B., dessen Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit an der RWTH Aachen für vorbildliche und finanzinvestive Zusammenarbeit mit der Mobilfunindustrie bekannt ist, dementiert nicht nur die Existenz elektrosensibler Menschen. Er versichert Politik und Bevölkerung in steuergeldfinanzierten ‚Aufklärungsbroschüren’ auch: „Technische Geräte sind offenbar wesentlich störanfälliger für Mikrowellen als der menschliche Organismus“ (so in einem vom saarländischen Minister für Justiz, Gesundheit und Soziales hrsg. Heft). Messtechniker wie Prof. W. Langguth (HTW Saarbrücken), die der Bevölkerung für viel Geld die Einhaltung und Unterbietung von Grenzwerten beweisen, geben durchaus zu, dass sie keinen Kontakt zum Stand der medizinischen und biowissenschaftlichen Forschung haben, dass sie die Diskussion um mögliche Grenzwertprobleme auch überhaupt nicht interessiert. Das hindert sie andererseits freilich nicht, aus ihren beruhigenden Messergebnissen auf psychische Störungen der Betroffenen zu schließen, mitunter sogar in öffentlichen Stellungnahmen.

Ranga Yogeshwar, der gute Beziehungen nach Aachen hat, verkündete es in der 27. Sendeminute dann geradezu als bewiesenes Gesetz: „Elektrosensible gibt es nicht“. Mit analogen Botschaften hatte sich nur wenige Tage zuvor auch die Sendung Nano vom 14. Juni 2007 auf 3 SAT an die Bevölkerung gewandt. Und da es Physikern und Messtechnikern im Allgemeinen an medizinisch-psychologischer Kompetenz fehlt, haben sie in der Psychologin Dr. Kaul eine willkommene Ergänzung ihres Teams gefunden. Die psychologische Entwaffnung der Elektrosensiblen rundet den Versuch ihrer Entsorgung ab. Sie vermittelt ihm mit Frau Kaul zugleich die Rückendeckung des Bundesamtes für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, das sich damit eine bequeme Grundlage für die Abweisung einschlägiger Schädigungen verschafft. Das Netzwerk konzertierter Verharmlosung und Schädigung ist damit vollendet - die Elektrosensiblen für ihre Psychiatrisierung freigegeben.

Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Gegenstandes werden wir uns am Beispiel der Sendung Nano und der Arbeiten von Frau Kaul noch einmal eingehender mit dem Thema Elektrosensibilität befassen. Für den Moment genüge die Empfehlung einer sommerlichen Reise nach Schweden. Sie sollte am berühmten Karolinska Institutet in Stockholm beginnen, dem Alfred Nobel die Auswahl der Nobelpreisträger für die Bereiche Physiologie und Medizin übertragen hat. Und sie sollte in einen Vergleich des politischen Umgangs mit Bürgern und Menschen einmünden.

Am Karolinska Institut arbeitet Prof. O. Johannson, dem wir einen der wichtigsten Nachweise von Elektrosensibilität verdanken. Gemeinsam mit dem Team seiner Mitarbeiter hat er in Gewebeschnitten der Haut von Elektroallergikern eine massive Vermehrung von Allergiezellen festgestellt, nur Bruchteile eines Millimeters unter der Hautoberfläche. Diese sog. „Mastzellen“ beinhalten eine enzymhaltige „Granula“: kleine, mit allergie-spezifischen Substanzen gefüllte Bläschen, die bei Reizung der Haut durch elektromagnetische Wellen Allergiesubstanzen wie Histamin und Serotonin ausschütten. Rötung, Hitzegefühle, Juckreiz und Schwellungen gehören zu den körperlichen Reaktionen.

In der Überschau der Geschichte ist der Umgang mit den Sensiblen und Schwachen der Gesellschaft ein Indikator für Humanität wie Inhumanität einer Gesellschaft. Deutschland sollte diesbezüglich aus seiner Geschichte und von den Schweden lernen. Auf Grund der signifikanten medizinischen Befunde ist die Elektroallergie im heutigen Schweden offiziell als Körperbehinderung anerkannt. Bei uns aber herrscht noch der Geist von gestern: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (B. Brecht).

Von einer profitgierigen Industrie wird man weder Moral noch geschichtliches Bewusstsein erwarten. Von Politik und Wissenschaft sollte sich ein Volk beides wenigstens erhoffen dürfen.


Urteil

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner fassen ihr Urteil wie folgt zusammen:

Die Sendung Quarks und Co. vom 19. Juni 2007 bot keine populärwissenschaftliche Information. Sie bot eine ebenso einseitige wie manipulative Auswahl von angebotenen Standards industriefreundlicher Aufklärung. Sie trug nicht zum Schutz der Verbraucher bei, sondern führte sie in die Irre und förderte ihre Gefährdung und Schädigung.

Maßstab unseres Urteils sind sieben Jahrzehnte der Forschung. Als verbindlich auch für Journalisten sehen wir die Schutzbestimmungen des Deutschen Grundgesetzes sowie der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, wie sie in aktualisierter Fassung am 17. Mai 2002 bekannt gemacht wurde.

Doch den wichtigsten Maßstab der Kritik bieten die ethischen Normen, die sich das Medienwesen mit dem Pressekodex selbst vorgegeben hat – hier zitiert nach der Fassung vom 13. September 2006. „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse“, heißt es darin unter Ziffer 1. Ziffer 2 fordert die gründliche „Recherche“ als „unverzichtbares Instrument journalistischer Arbeit“. Ziffer 4 verbietet alle „unlauteren Methoden“, Ziffer 9 den entwürdigenden Umgang mit Menschen. Und Ziffer 7 fordert – auch im Interesse eigener Glaubwürdigkeit: „Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche oder wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.“ […]

Gegen jede dieser ethischen Normen verstieß die in Frage stehende Sendung grundlegend und schwerwiegend. Ziffer 3 des Pressekodex verlangt in solchen Fällen die unverzügliche und angemessene „Richtigstellung“ von Falschaussagen. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Analyse können und wollen auf die Forderung einer solchen Richtigstellung nicht verzichten. Unter Berufung auf die zitierten Ziffern des Pressekodex und den mit der Sendung angerichteten Schaden fordern sie, in einer der nächsten Quarks-Sendungen jene Seite des Kenntnisstandes zur Geltung zu bringen, die in der kritisierten Sendung systematisch ausgeklammert wurde.

Soweit mildernde Umstände anzunehmen sind, liegen sie in der Person eines sonst tüchtigen Moderators und im Format eines überwiegend positiven Sendeformats begründet. Wir wollen einer schwerwiegenden Entgleisung wegen also nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Aber es wird auch von der Ehrlichkeit des Umgangs miteinander abhängen, ob das gestörte Vertrauen zwischen unserer interdisziplinären Initiative und dem Sender wiederhergestellt werden kann.



Dr. med. C. Aschermann - Dr. med. W. Bergmann - Prof. Dr. rer. nat. K. Buchner Dr. med. H. Eger - Prof. Dr. med. Frentzel-Beyme - Prof. Dr. rer. nat. E. Ganßauge J. Groschupp - Prof. Dr. med. K. Hecht - P. Hensinger - Dr. med. M. Kern Visit. Prof. Dr. rer. nat. L. von Klitzing - H. Krause - Prof. Dr. phil. K. Richter Dr. med. H.-Chr. Scheiner - Dr. med. dent. C. Scheingraber - Dr.-Ing. Dipl.-Phys. V. Schorpp - Dr. rer. soc. Dipl.-Psych. A. Schrodt – Dr. rer. nat. Dipl.-Phys. St. Spaarmann Dr. rer. nat. U. Warnke - Dipl.-Psych. H. Tlach - Dr. med. C. Waldmann-Selsam Prof. Dr. med. G. Zimmer

www.kompetenzinitiative.de, den 13. Juli 2007

Prof. Dr. E. Ganßauge zu Quarks
WDR - Quarks