Ärzteschulungen / Prof. Lerchl / Brief 2

2. Offener Brief
an Prof. Dr. rer.nat. Alexander Lerchl
Jacobs University Bremen
betreffend unabhängiger Ärzteschulungen

Prof. Dr. rer.nat. Alexander Lerchl
Jacobs University Bremen

Von der Mobilfunkindustrie finanzierte umweltmedizinische Ärzteschulungen >>> [29 KB]

2. Offener Brief

Sehr geehrter Herr Kollege Lerchl,

am 4. 5. hatten wir uns in einem Offenen Brief an Sie gewandt. Da Ihre an mich gerichtete Antwort vom 8.5 in kollegialem Ton gehalten war und einen Kompromiss in der Sache immerhin vorstellbar machte, habe ich mich meinen Gesprächspartnern gegenüber dafür eingesetzt, den Dialog zunächst im eher kollegialen Briefwechsel fortzusetzen und nicht durch zu viel an Öffentlichkeit zu belasten. Am 11.5. habe ich Ihnen auch ganz in diesem Sinne geantwortet.

Wenig später sind uns allerdings Informationen zugegangen, die mein Bekenntnis zum kollegialen Dialog zwar keineswegs torpedieren, aber auch unseren ursprünglichen Beschluss zur Öffentlichkeit der Auseinandersetzung (u. a. über www.kompetenzinitiative.de) bestätigen. Zum einen berichten uns der Landeselternsprecher für Grundschulen im Saarland, J. Dammann, aber auch Elternvertreter aus anderen Bundesländern, dass das Informationszentrum Mobilfunk (IZMF) die Schulen u. a. über die (nicht vorhandenen) Risiken von W-LAN ‚aufklärt’ – was die Frage aufwirft, ob solche schulische Aufklärung in den richtigen Händen liegt. Zu gleicher Zeit erreichte uns aber auch das Programm zum Workshop „Mobilfunk – Reale Gefahr oder Irreale Diskussion?“, den die Jacobs University in Bremen gemeinsam mit dem IZMF angekündigt hat: vom Titel an u. E. ein Programm mit deutlich beobachtbarer Schlagseite, was im Falle eines universitären Programms doppelt befremdet, wenn es als ‚Ärztefortbildung’ angeboten wird. Warum wird nicht wenigstens der Versuch gemacht, auch die Betroffenen und ihre Ärzte in das Programm einzubinden - z. B. die besonders betroffene, aber auch vorzüglich informierte Familie Kind (christine_kind@arcor.de) mit einem Referat von Frau Kind oder des gutachtenden Arztes Dr. Hopf aus der Sächs. Landesuntersuchungsanstalt?

Ich habe Ihnen mit dem Brief vom 4.5. auch den Artikel von Th. Grüning und N. Schönfeld aus dem Ärzteblatt 12/104 von 2007 übermittelt, der zeigt, wie weit die deutsche Tabakindustrie Politik und Universitäten für ein Projekt „Rauchen und Gesundheit“ gewinnen und Freiheit wie gesellschaftliche Verantwortung der Forschung zur Farce machen konnte. Bei uns häufen sich seit langem die Indizien, die für ein analoges Projekt „Mobilfunk und Gesundheit“ sprechen, das auch von renommierten Juristen als Ergebnis fragwürdiger Instrumentalisierungen angesehen wird, die bis in staatliche Gremien hineinreichen. Die Mitwirkenden, unter denen es zweifellos auch ehrenwerte Leute gibt, betonen gern, wie überwiegend beruhigend die vorliegenden Forschungen sind - die auch überwiegend von der Industrie finanziert wurden und werden. Aber reichen z. B. Projekte mit dreijähriger Laufzeit aus, um die Bevölkerung vor Spätfolgen zu schützen, die im Licht von sieben Jahrzehnten einer industrieunabhängigen Forschung als wahrscheinlich erscheinen? Die Bremer Programmformulierung gibt zu, dass die Diskussion kontrovers ist. Wenn Sie die Geschichte der Umweltkatastrophen und –skandale studieren, wissen Sie, dass die Finanzierung der Risikoerforschung durch eine profitinteressierte Industrie in solchen Situationen stets der verkehrteste und fatalste aller denkbaren Wege gewesen ist.

Nach unseren Beobachtungen drängt sich die Mobilfunkindustrie mit dem Anspruch einer von ihr finanzierten ‚Aufklärung’ in hohem Maße in verbraucher- und umweltschutzsensible Bereiche, in denen sie nichts verloren hat. Die Universitäten sind den verlockenden Finanzierungsangeboten naturgemäß besonders ausgesetzt, wo Länder hoch verschuldet sind, wie das in Bremen und im Saarland der Fall ist. Wie ernst und selbstlos das Aufklärungsinteresse der Mobilfunkindustrie gemeint ist, erkennen Sie an der irrealen Handhabung der Selbstverpflichtung oder dem Umgang mit Menschen. Warum kann ein Staat, der von der Mobilfunkindustrie 100 Milliarden DM angenommen hat, nicht wenigstens mit nur einem Prozent des Geldes für einen vollkommen industrieunabhängigen und grundgesetzgemäßen Schutz der Bevölkerung sorgen – statt die in der Materie vorgegebenen Risiken durch die eigenen geschäftlichen Verstrickungen und die massive Beteiligung der Industrie an der Finanzierung der Risikoforschung zu potenzieren?

Gestatten Sie dem Kulturwissenschaftler und Historiker, der seit Jahrzehnten in interdisziplinären Zusammenhängen steht und arbeitet, abschließend auch ein persönliches Wort. Ich habe mit meinen siebzig Jahren in mehreren - ganz unterschiedlichen - geschichtlichen Situationen das Versagen von Wissenschaften beobachtet, die zu viel mitzumachen bereit waren. Ich habe noch nie einem Kollegen unlautere Motive unterstellt, ohne seinen Fall genauer zu kennen. Ich bin auch kein Traumtänzer, der glaubt, dass die Universitäten ohne das Kapital der Industrie und die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft auskommen. Doch je weiter diese Verflechtungen zunehmen, desto unverzichtbarer scheint mir die Besinnung auch auf die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft. Wir sollten den Eid der Ärzte auf alle Wissenschaften übertragen, statt ihn zuweilen bis hinein in unsere Medizinischen Fakultäten an der Garderobe der Konzerne abzugeben!


Mit besten Grüßen
im Namen der Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie


(Prof. Dr. K. Richter)

gemeinsam mit Prof. Dr. med. K. Hecht, Dr. med. M. Kern und Dr. med. H. Scheiner

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